Das vergangene Wochenende (naja, bis Mittwoch, wir haben das mal ein bisschen verlängert) habe ich mit Anna aus Georgien in Timisoara verbracht, einer wunderschönen Stadt im Nordwesten Rumäniens. Sie ist schon öfter dort gewesen und hat Freunde in der Stadt gefunden, und bei einer von ihnen, Adriana, konnten wir übernachten.
Die Fahrt von Valcea war ziemlich international: Zunächst wurden wir von einem Ukrainer mitgenommen, der genausowenig rumänisch konnte wie wir, dann von einem Perser (!). Die einzige "gemeinsame" Sprache, die wir herausfanden, war Türkisch- wir sagten also unsere 5 Sätze und versicherten ihm, Istanbul sei "çok güzel", also sehr schön. Das letzte Auto war dann allerdings mit zwei rumänischen Feuerwehrleuten besetzt- wie langweilig!
In Timisoara angekommen gingen wir erstmal was essen und trinken (die Fahrt hatte ungefähr 6 1/2 Stunden gedauert, weil es in Rumänien keine Autobahnen gibt, außer kurzen Abschnitten) und trafen dann ein Künstlerpärchen, das Anna auf facebook kennen gelernt hatte und das unglaublich in Georgien verliebt ist, seit sie da letzten Sommer 2 Monate verbracht haben. Filip und Andrea brachten noch Anastasia mit, eine Freundin, die auch mit in Georgien gewesen ist. Die drei waren sehr sympathisch und zeigten uns ihre Ausstellung in einer nahen Gallerie. Ich war besonders von einem Bild recht beeindruckt, das durch seine klare politische Aussage und gleichzeitig ein beeindruckendes Foto hervorstach: Er hatte eine Katze genau in dem Moment festgehalten, als sie von einer Mülltonne zur anderen sprang. Die Tonnen hatte er dann mit einer kommunistischen bzw. der EU-Flagge bemalt.
Die drei waren sowieso eher sowas wie Kunstaktivisten-Hippies, ein bisschen strange aber sehr nett. Wir blieben lange in der Gallerie und sie unterhielten sich über Georgien und die orthodoxe Religion, ich kam mir ein bisschen überflüssig vor, aber andererseits war das alles ziemlich interessant. Die drei sprachen alle mehr oder weniger fließend deutsch, da es in Timisoara eine deutsche Schule und Uni gibt! Die Siebenbürgener Sachsen haben eine Spur hinterlassen...
Wir gingen zu Adrianas Haus und wurden von ihr und ihrer Freundin Flavia sowie deren griechischen Freund freundlich begrüßt. Adriana ist besessen von dem Traum, nach Argentinien auszuwandern und bestand darauf, nur spanisch mit mir zu sprechen, weil sie Englisch so hässlich findet. Sie war wirklich nett und überließ uns ihr Schlafsofa. Mit Flavias Freund führten wir politische Diskussionen, was mit Anna etwas schwer fällt, weil sie nicht die Geduld hat, andere ausreden zu lassen. Trotzdem ein netter Abend!
Am nächsten Morgen ließ ich mich tatsächlich dazu überreden, zum Gottesdienst in ein orthodoxes Kloster mitzukommen. Die drei hatten uns eingeladen und weil ich sowas mal sehen wollte, immerhin ist das gesamte Land katholisch-orthodox und der Alltag davon geprägt, kam ich mit- aufstehen um 7!
Das Kloster war ziemlich klein und der Kirchenraum dunkel. Wir mussten die gesamte Zeit stehen (3 Stunden) und hatten Rückenschmerzen, und so richtig was verstehen konnten wir nicht. Ich bin froh, mitgegangen zu sein, aber so schnell muss das nicht wieder sein.
Hinterher ging die Gemeinde zusammen zum Essen, das die Nonnen gekocht hatte. Alles war "de post", vegan, weil die gerade Fastenzeit hatten, in der sie keine tierischen Produkte essen. Also in Rumänien ist es eigentlich wirklich einfach, Vegetarier und sogar Veganer zu sein; diese Produkte gibt es eigentlich immer, zur Fastenzeit natürlich noch mehr als sonst, und sie sind wirklich lecker! Während des Essens laß eine Nonne die Geschichte eines zeitgenössischen Heiligen vor, wie Filip uns erklärte. Ich war schon froh gewesen, als ich während des Gottesdienstes mitbekommen hatte, dass sie das Vater Unser (Tatal nostru) beteten...
Die Nonnen und Priester werden richtig verehrt von den Gläubigen; sie küssen ihnen die Hand und verneigen sich vor ihnen. Beim betreten der Kirche bekreuzigen und verneigen sich alle vor den Bildern von Maria und Jesus und küssen sie. Besonders die Frauen reden in tiefer Ehrfurcht mit den Priestern. Ich nahm nicht am Abendmahl teil, hätte auch nicht gedurft, weil man vorher beichten muss. Aber ich trug brav ein Kopftuch um die Männer nicht vom Beten abzulenken.
Wir sahen uns noch den Friedhof an und fuhren anschließend in die Stadt zurück. Erstmal Siesta. Abends trafen wir die drei in einem rumänischen Restaurant, sie luden uns ein, sehr nett. Die waren einfach richtig religiös, so mit Nächstenliebe und so, und deshalb war es für die wohl selbstverständlich. Ich freute mich besonders über das ungefilterte Bier vom Fass!
Wir spazierten noch ein bisschen über den Platz im Stadtzentrum, d. h. im NEUEN Stadtzentrum, dem Piata Victoriei. Das alte Stadtzentrum ist noch ein bisschen schöner, der Piata Unirii, aber auf dem großen Piata Victoriei steht eine ziemlich schöne bunte Kirche.
Am nächsten Tag zeigte Anna mir das Stadtzentrum. Besonders ein alternativer Buchladen mit dem Namen Carturesti hatte es mir sehr angetan. Ich kaufte mir ein Buch nur wegen seines Aussehens, ein Kunstbuch über Design, das eigentlich nur aus Bildern und kurzen Textabschnitten besteht und durch seine Umschlaggestaltung überzeugt. Über dem Buchladen ist ein Café, in dem es nur Tee gibt, 100 verschiedene Sorten in individuellen Kännchen. Alle Besucher hatten eifrig im Erdgeschoss geshoppt und probierten jetzt hier eine neue Sorte Tee aus; ich entschied mich für Mate mit Früchtezusatz. Fenomenal!
Später ging Anna zur Beichte bei einem englischsprechenden Priester, ich sah mir bei Adriana meine neue Anschaffung an. Später am Abend gingen wir zu Anastasia nach Hause und sahen einen Dokumetarfilm über Wasser, recht obskur, aber interessant. Sie gab uns eingemachte Früchte und selbstgemachte Gemüsepasten mit Brot, außerdem Gebäck- wir fühlten uns wie Gott in Rumänien, und ich habe mir extra ein Rezeptbuch gekauft, dass ich in Cartureste entdeckte. Freut euch, wenn ich wiederkomme- dann gibt's rumänisch!
Am nächsten Tag gingen wir zunächst mit Adriana einen Kaffee trinken, der langsam die Decke auf den Kopf fiel, weil ihr Vater am nächsten Tag kommen würde und sie mit ihm wohl einen ziemlichen Streit hatte, was ihre Zukunft anging. Sie war eine ziemlich erfolgreiche Journalistin gewesen, hatte aber vor einem Jahr alles geschmissen und war an die Uni zurückgegangen, um Spanisch zu studieren, damit sie in Argentinien Arbeit finden würde. Sie schien in einer Art verfrühten Midlife-Crisis zu sein, überwarf sich mit ihren Freunden und war auf verbitterte Art rebellisch. Anna erzählte mir, dass sie früher nicht so war, und sie war trotzdem noch sehr sympathisch, aber definitiv unzufrieden.
Das Wetter war super, wir setzten uns draußen auf eine Terrasse vor einem Café auf den Piata Unirii und tranken Kaffee und Bier. Abends gingen Anna und ich serbisch essen und warteten anschließend in einer Bar mit dem schönen Namen Bierhaus auf Clémence, deren Flugzeug von Paris heute in Timisoara landen würde (sie hatte sich einen kleinen Heimurlaub gegönnt). Sie erschien in männlicher Begleitung, den sie so schnell wie möglich loswurde. Wir tauschten uns aus und tranken Bier während im Hintergrund Stuttgart gegen Barcelona unentschieden spielte. Als die Bar schloss (es war Dienstag), zogen wir weiter ins Papillon, tranken Wein, schliefen anschließend 1 Stunde bei Adriana (wir mussten früh weg, weil sie meinte, ihr Vater würde unsere Anwesenheit nicht gutheißen) und warteten in der gleichen Bar, bis es hell wurde. Dann nahmen wir einen Bus bis zum Stadtrand und wurden nach nur 3 Minuten von einem VW Golf mitgenommen, dessen Fahrer nach Pitesti fuhr- also über Valcea! Ziemliches Glück, leider war es ziemlich unbequem zu dritt hinten, ich saß auch noch in der Mitte und konnte deshalb fast gar nicht schlafen... Kurz vor Valcea sahen wir eine Frau buchstäblich unten ohne herumlaufen, einer neuer Trend hier, mach ich auch demnächst...
Samstag, also morgen, haben wir ein Seminar hier in der Uni, ich darf eine Presentation machen, juhu...^^
Pe curând, prietenii mei!
Eure Frauke
Freitag, 26. Februar 2010
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