Das Wochenende nach dem Sirnaville-Festival wollten wir in Sigişoara verbringen, auf deutsch heißt die Stadt Schässburg und gehört zu einer der schönsten Städte in Transsilvanien. Die anderen sind bei ihrem on-arrival-Training schon dort gewesen und ich war gespannt. Wir teilten uns also wieder in Gruppen auf und trampten erstmal nach Sibiu.
An unserer altbekannten Tramper-Tankstelle versorgten wir uns mit Getränken und warteten auf das nächste Auto. Wir waren die ersten, und wir wurden auch ziemlich schnell mitgenommen. Nach einer Weile (die Freundin des Fahrers sprach zum Glück Englisch) stellte sich heraus, dass die beiden zu einem anderen Festival unterwegs waren, nach Făgăraş nämlich, der Nachbarstadt von Sibiu. Ein Mittelalter-Folklore-Festival auf einem alten Fort ohne Eintritt inklusive Mittelaltermarkt- spontan koordinierten wir mit den anderen per Mobiltelefon, die Destination zu wechseln- auf nach Făgăraş!!!
...auf in die Nacht!
Der Markt war wirklich schön und die Stadt und das Fort... Wir schlenderten erstmal über das Festivalgelände und setzten uns dann mit einem wohlverdienten Bier auf die Wiese und beobachteten rumänische Folkloretänze in traditionellen Trachten.
Auf dem Weg zum Dixi-Klo begegnete mir ein kleiner Roma-Junge (die nennen sich hier übrigens selbst Zigeuner, also Ţigani; das ist nur im Deutschen durch Hitler so negativ vorbelastet). Er sprach nur rumänisch, wartete aber brav auf mich und nahm meine Hand auf dem Rückweg, wir hüpften so über die Wiese und er freute sich. Bei den anderen angekommen schenkte ich ihm Kekse und ein bisschen Geld fürs Karussel, Konversation klappte nicht so richtig und irgendwann hüpfte Catalin weiter.
Als die anderen ankamen wurde es schon dunkel. An einem Weinstand besorgten wir uns ein paar Flaschen rumänischen Weißwein, Çato und ich probierten die zwei Karussels aus und anschließend aßen wir Shaorma, so eine Art Döner aber mit extra Pommes beziehungsweise für uns Vegetarierinnen ohne Fleisch.
Rasen-Romantik und rumänischer Rotwein
Anschließend gingen wir zur Bühne hinüber und sahen einem älteren witzigen Rumänen beim Gitarrespielen zu und noch ein paar Performances von lokalen Tanzgruppen, teilweise sehr experimental, geil!
Nach einer Weile wurden wir von ein paar Jugendlichen angesprochen, denen unser Englisch aufgefallen war, und spontan zu einer Bar mitgenommen. Nachdem wir eine Weile getanzt hatten und sogar gefilmt wurden (Anderssein fällt hier ziemlich schnell auf), spielten unsere Gastgeber draußen in der Sitzecke Gitarre und sangen dazu schöne rumänische und englische Lieder. Wir gesellten uns dazu und lernten noch ein paar Studenten von der Kunst-und Schauspiel-Hochschule Sibiu kennen, die gerade Semesterferien hatten.
Kneipenszene in der Alternativ-Stadt (Freunde für eine Nacht)
Clémence und ich versuchten, den Wirt davon zu überzeugen, uns ein Bier auszugeben; ich persönlich fand unsere Argumentation sehr üerzeugend, er aber nicht so. Aber scließlich tun wir ja was für das Land, ohne dafür bezahlt zu werden- da muss uns das Land ja auch mal was zurück geben. Ein Bier und ein Cognac wurden hinterher doch noch draus, wir freuten uns.
Mit der Gitarre und ein bisschen neuem Wein zogen wir zurück zum mittlerweile leeren Festivalgelände (es war kein Zeltfestival, sondern nur für tagsüber, und immerhin 5 Uhr morgens) und spielten weiter Gitarre und sangen. Als wir uns schlafen legen wollten, kam plötzlich ein Ortnungshüter erster Güte und teilte uns mit, es sei verboten, auf dem Rasen zu schlafen. Ja gut, aber was sollten wir dann machen?
Keine Lieder über Liebe
Mit Hilfe unserer neuen rumänische Freunde wurden wir dann in ein Notzelt gebracht, das wohl eigentlich für Schnapsleichen vorgesehen war; so schliefen wir dann sogar noch komfortabler, als wir gedacht hatten.
Mittags wachten wir auf und verließen das Fort, um uns zum Brunch eine Bar zu suchen. Sobald wir die Gabel weglegten, kam ein Zigeunermädchen, um unsere Pizzareste abzuholen. Die Mutter stand an der Straße und pickte die Oliven runter, ließ aber doch ihr Kind die Pizza essen. Es ist wirklich traurig, dass hier meistens die Kinder zum Betteln geschickt werden; aber es klappt eben auch am besten auf der anderen Seite, mit Kindern hat man eher Mitleid.
Abgesehen davon sind hier längst nicht alle Zigeuer arm- es gibt sogar einen Zigeuner-König und einige Villeviertel, in denen nur Zigeuner leben. Auf de Straßen sieht man eben eher diejenigen, die kein Geld haben und deshalb betteln.
Der Staat hat versucht, sie an den rumänischen Standard anzupassen und sie in die verlassenen Siedlungen der ehemaligen deutschen Zuwanderer einzugliedern. Aber sie waren den Umgang mit Geld und den persönlichen Besitz einfach nicht gewohnt, verschenkten oder verschwendeten alles und kehrten zu ihrer eigenen Lebensweise zurück. Heute versucht die Regierung Probleme wie vermehrte Schulabbrecher mit verschiedenen Regelungen zu bekämpfen. Viele Zigeuner heiraten viel früher als "allgemein üblich", mit 14 oder 15 und bekommen dann auch schon Kinder. Deshalb gab es eine Regelung, nach der nur jemand, der eine bestimmte Anzahl von Schuljahren abgeschlossen hat, den Führerschein machen durfte- denn obwohl viele Zigeuner auch heute noch mit Pferdewagen unterwegs sind, ist der Führerschein gerade für die jungen Männer eine große Verlockung.
Soviel erstmal als kleiner Exkurs zur größten Minderheit in Rumänien. Ich möchte hier auf keinen Fall romantisieren; Fälle, in denen Mütter ihre eigenen Töchter prostituieren, gibt es auch hier. Aber es ist eben nicht die Regel.
Heftig ist vor allen Dingen die offene Diskriminierung. Ein Freund hat mir erzählt, wie er in einer Bar in Sibiu mal nichts mehr zu trinken bekommen hat, weil er mit einem Zigeuner da war. Ein Taxifahrer hat sich strikt geweigert, ihn in das Zigeunerdorf zu bringen, in dem er arbeitet. Was man aus alten Filmen aus der Zeit der amerikanischen Rassentrennung kennt, wird hier plötzlich bittere Realität.
Das Wochenende in Făgăraş allerdings war fantastisch, ungeplant und verrückt. Die alternativen Jugendlichen haben uns wieder mal gezeigt, dass wir einfach in der falschen Stadt wohnen. Gerade Sibiu und die Umgebung scheinen dagegen ziemlich in die Richtung zu gehen. Hauptsache, die Uni geht bald wieder los!
Bekloppte Nummernschilder um 5 Uhr morgens
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen